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Friedliche Sprache in der Pädagogik

Foto: Heike Brandl
Am Nordkap: "Kinder der Welt" Reliefs von Eva Rybakken.

  

Das Relief symbolisiert für mich den Wunsch der Kinder nach Frieden auf der Welt. Ich war tief beeindruckt.

Und dann der Alltag: Kennen Sie solche Sätze? 

  • Halts Maul, du Idiot!
  • Schlagt das Buch auf Seite 43 auf!
  • Du kriegst den Roller später.
  • Oh, das hat ja mal wieder nicht hingehauen!

 

Nun, wenn Sie meinen Artikel vom Januar https://www.heilpaedagogik-lohr.de/januarbereits gelesen haben, wissen Sie jetzt schon ein Stück weit worauf ich hinauswill. Diesmal werde ich das Thema aus pädagogischer Sicht beleuchten. Ich habe dafür Beispiele aus der Familie gewählt sowie aus Kindergarten und Schule – es geht also um Kinder verschiedener Altersstufen. Sie werden erfahren, wie Sie auf vier Ebenen friedliche Sprache in die Pädagogik bringen können.

 

Oftmals ist der Umgangston zwischen Schülern und Schülerinnen ruppig und von Kraft- oder Gewaltausdrücken geprägt. Sehe ich das richtig, dass Ihnen das unangenehm ist? Durch diese Ausdrücke schwingt etwas in der Luft, das die Atmosphäre regelrecht vergiftet. Jugendliche sind sich meist nicht bewusst, wie oft sie solche Wörter sagen und dass sie Menschen verletzen können.

 

Auch in der Kita beginnt das manchmal bereits. Meist stört die Erzieherinnen eher das ständige Spiel von kämpfenden Rittern, Piraten oder Aliens. Vielleicht hat das auch zur Faschingszeit eine Hochkonjunktur. Doch natürlich werden dabei ganzjährig auch Szenen aus Fernsehsendungen oder Computerspielen nachgeahmt: „Ich schieß dir in den Mund!“ Doch es führt erheblich weiter: Welchen Anlass hat ein 4jähriger, mitten in einem Würfelspiel zu sagen „Oh, ich krieg einen Schlag auf den Kopf.“ – nur damit die anderen lachen?

 

Gewaltsprache ist in unserer Gesellschaft so verbreitet, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen – und damit gesellschaftsfähig machen. Hier will ich ansetzen.

 

Bild: Heike Brandl
Helsinki - Festung Suomenlinna

 

Ebene 1 – Wahrnehmen

Machen Sie sich Ihren eigenen kriegerischem Wortschatz bewusst. Das erfordert eine hohe Aufmerksamkeit. Ich gebe Ihnen gerne noch einige Beispiele:

 

  • Ich habe einen Vorschlag für dich!
  • Ich nehme diese Aufgabe in Angriff.
  • Hier sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte!
  • Du kriegst einen neuen Tischnachbarn.

 

Manche Formulierungen kommen tatsächlich aus den Kriegsjahren vergangener Zeiten. Wir haben jetzt seit über 70 Jahren Frieden in Deutschland. Wir können, dürfen und sollten diese Ausdrücke jetzt endlich hinter uns lassen. Es ist längst an der Zeit. Jeder Vorschlag ist erstmal ein Schlag.

Zum Thema „schlagen“ und „kriegen“ habe ich im Januar bereits ausführlich den Hintergrund erklärt. Ich weiß, dass es eine echte Herausforderung ist, die gewohnten Wörter hinter sich zu lassen. Doch – wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Geben Sie sich Zeit!

 

Ebene 2 – Vorbild sein

Wählen Sie eine Situation aus dem privaten oder beruflichen Alltag, in der Sie ein Wort oder eine Redewendung aus dem kriegerischen Bereich gebrauchen. Reduzieren Sie den Gebrauch! Finden Sie dafür eine neue Formulierung und integrieren Sie diese für vier Wochen bewusst in Ihre persönliche Sprache. Beobachten Sie, welche Wirkung diese Änderung Ihres gewohnten Sprachgebrauchs auf Sie und Ihr Umfeld hat. Wandeln Sie die oben genannten Sätze beispielsweise so:

 

  • Öffnet bitte euer Buch auf Seite 43!
  • Du bekommst den Roller nach Tim.
  • Oh, beim nächsten Mal wird es dir gelingen!
  • Ich habe eine Anregung/eine Idee … für dich!
  • Ich beginne mit dieser Aufgabe.
  • Ihr habt ein großes Chaos!
  • Du bekommst einen neuen Tischnachbarn.

 

Sie haben als Eltern, ErzieherInnen oder LehrerInnen einen doppelten Erziehungsauftrag: Sie erziehen die Kinder und Sie erziehen auch sich selbst dazu, ein gutes Vorbild zu sein. Dies gilt nicht nur für die Ihnen anvertrauten Kinder. Sie sind auch ein Modell für andere Eltern, KollegInnen oder PraktikantInnen.

Es ist bedeutsam, dass Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen eine friedliche Sprache sprechen. Die Kinder werden Ihre Wortwahl und Ihre Sprachstrukturen übernehmen. Das wirkt sich auf ihr Denken und auf ihre Lebenseinstellungen aus.

Entsprechend wird es auch ein neues Klima in Ihren Familien, Gruppen und Klassen geben. Wenn Kinder friedlich miteinander spielen wollen, anstatt zu kämpfen oder sich zu schlagen, werden sie auch weniger Panzer und Pistolen bauen und malen.

 

Menschen können mit einer bewussten Sprache dazu beitragen, hinter das Belastende der Kriegsvergangenheit friedvoll einen Schlussstrich zu ziehen. Kinder lernen mit einer friedvollen und ruhigen Sprache ihrer Eltern und Pädagogen Konflikte auf sachliche Weise zu lösen. Wer eine klare, wertschätzende Sprache spricht, braucht keinen Druck- und Gewaltwortschatz, um seine Ziele zu erreichen. Wer klar spricht, führt mit der Kraft der Argumente und mit seiner persönlichen Ausstrahlung.

 

Ebene 3 – Sensibilisieren

Bei SchülerInnen ist es hilfreich, mit ihnen gemeinsam sprachliche Alternativen zu finden. Eine humorvolle Herangehensweise ist dabei sinnvoll: „Oh, was war denn das für ein Wort? Du nimmst da etwas in den Mund, das ich nicht mal mit bloßen Händen anfassen würde.“ Statt „Scheiße“ geht z.B. „Oh, nein!“ oder „Das ist ja doof!“

Machen Sie die SchülerInnen darauf aufmerksam – freundlich und wertschätzend – dass Ihnen bestimmte Ausdrücke in Ohren und im Herzen wehtun. Etwas Theatralik unterstützt die Einsicht durchaus. Thematisieren Sie Ihre Sichtweise, dass Ihnen Wertschätzung und gegenseitige Achtung wichtig sind. Fragen Sie die SchülerInnen, wie unterschiedliche Sätze auf sie wirken. „Halts Maul du Idiot!“ bzw. „Bitte sei leise! Ich will mich konzentrieren.“

 

Machen Sie den SchülerInnen die Vorteile solcher Reaktionen in Konfliktsituationen deutlich: Der oder die andere ist nicht beleidigt, Streit wird ausbleiben und Ihre Ohren freuen sich! Sie selbst sind den SchülerInnen Vorbild. Wenn Sie erst einmal dafür sensibilisiert sind, wird es Ihnen leicht gelingen.

 

Übrigens: Das Wort „Pädagoge“ stammt aus dem Griechischen und leitet sich von „Führen“ ab. Führen Sie Ihre SchülerInnen und Kita-Kinder mit einer klaren, wertschätzenden und wirkungsvollen Sprache.

 

Ebene 4 – „Frieden“ einführen

Achten Sie in den nächsten Wochen auf das Wort „Frieden“ in Ihrem Sprachgebrauch. Wann und in welchem Kontext sagen Sie es? Finden Sie einige Sätze, in denen Sie die Wörter „Frieden“, „friedlich“ und „friedvoll“ oder andere Redewendungen mit Frieden in Ihrer Sprache bereits gebrauchen.

 

  • Seid friedlich!
  • Ich liebe den Frieden.
  • Wir wollen in Frieden und Freundschaft miteinander leben.
  • Wir wollen Frieden schließen.
  • Ich wünsche mir, dass ihr friedlich zusammenspielt. Ich will in Frieden leben (wenn Kinder kämpfen oder schießen spielen).
  • Bist du zufrieden mit deinem Ergebnis? Ich bin damit zufrieden!

 

Achten Sie darauf, dass Sie das Wort „Frieden“ sinnkonform verwenden. Oftmals kennen Kinder nur die Redewendungen „Friede – Freude – Eierkuchen“. Oder sie hören die in gereiztem Ton gesprochene Ermahnung „Jetzt gebt endlich Frieden!“ So können die Kinder nichts damit anfangen. Wenn das Wort für die Kinder noch neu ist, haben sie kein Bild davon, wie dieses „friedlich“ aussehen kann. Daher ist es notwendig, dass Sie „friedliche“ Situationen als solche benennen:

 

  • Heute habt ihr friedlich in der Gruppe zusammengearbeitet.
  • Ich wünsche euch eine friedliche und fröhliche Pause!

 

Eine Kollegin benutzt diesen Satz ganz regelmäßig. Nach der Pause fragt sie wieder einzelne SchülerInnen: „Hattest du eine friedliche und fröhliche Pause?“ – Die Kinder antworten: „Ja, ich hatte eine friedliche und fröhliche Pause.“ So gelangt das Wort in den Wortschatz der Kinder. Und die Atmosphäre in der Klasse wird eine friedliche sein.

Bild: Heike Brandl
Flipchart: Saat und Ernte

 

Eine Ernte gibt es nur wenn Sie säen und die Saat hegen und pflegen! Seien Sie Vorbild und bringen Sie die Wörter und Redewendungen in den Unterricht, die Familie und die Kita, die Sie hören wollen. Sprache steckt an! Und seien Sie geduldig, die Saat auf dem Acker braucht auch einige Monate.

 

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!

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