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Schnelles Reden - mehr erreichen?

Foto: Heike Brandl
Reden Sie wie ein Wasserfall? - Les Sept-Chutes in Quebec

Gehören Sie auch zu den Schnell-Rednern?

Sprechen Sie ohne Punkt und Komma?

Glauben Sie, dass schnelles Reden auf schnelles Denken hinweist?

Ist Ihr Sprechtempo wirksam?

 

Immer wieder habe ich mit Menschen zu tun, die so sprechen, dass es mir Mühe bereitet ihnen zu folgen. Das hat meist mehrere Gründe:

 

Die einen sprechen komplizierte Schachtelsätze, bei denen ich am Ende nicht mehr weiß, was am Anfang war. Das kenne ich auch von Politikern oder Wissenschaftlern, die ihre komplexen Sachverhalte möglichst intellektuell darstellen wollen.

 

Die nächsten machen zwischen den Sätzen keine Pause. So merke ich kaum, wenn der Satz zu Ende ist. Ich habe keine Möglichkeit, mir von jedem Satz ein Bild zu machen und mir dadurch die Inhalte einzuprägen. Das Gesagte kommt nicht an. Für die Kommunikation ist es auch wenig dienlich, wenn ich als Gesprächspartner keine Gelegenheit zum Nachfragen oder Antworten bekomme. Kinder haben Mühe zu folgen, denn sie versuchen ja, beim weiteren Text mitzukommen und aufmerksam zu sein..

 

Und dann gibt es noch die Menschen, die einfach eine hohe Redegeschwindigkeit haben. Auch hier gelingt es mir schwer ihnen zu folgen.

Bei manchen Menschen treffen mehrere dieser Aspekte zu. Dann erfordert es meine höchste Aufmerksamkeit und ich ermüde bald.

 

Gibt es ein richtiges oder „normales“ Tempo?

 

Die Wissenschaft definiert die Sprechgeschwindigkeit nach Anzahl der gesprochenen Wörter oder Silben pro Zeiteinheit. Für einen deutschen Sprecher ist ein Wert zwischen 90 und 120 Wörter pro Minute im Referenzbereich. (Wikipedia)

 

Wie schnell ein Mensch spricht, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Vom Kindes- zum Erwachsenenalter nimmt das Tempo zu. Das liegt an den sprechmotorischen und linguistischen Fähigkeiten. Je routinierter ein Sprecher im Wortschatz, der Grammatik und im Satzbau ist, desto leichter kann er diese Bausteine der Sprache verarbeiten und anwenden. Diese individuellen Faktoren können auch im Erwachsenenalter sehr unterschiedlich sein.

 

Hinzu kommt zum Beispiel die Sicherheit im Umgang mit dem Thema und die Komplexität von Satzstruktur und Wortschatz. Emotionale Faktoren haben ebenso Einfluss: Traurigkeit oder Langeweile senken das Tempo – Aufregung und Wut erhöhen das Tempo.

 

Wir entscheiden auch bewusst, wie wir wirken wollen: Hohes Sprechtempo soll Engagiertheit und hohes Denktempo vermitteln, langsames Sprechtempo soll Professionalität signalisieren. Wenn uns etwas wichtig ist, sprechen wir langsamer und betonen einzelne Wörter stärker.

Foto: Heike Brandl
Wie wirkt Ihr Sprechtempo auf Ihre Zuhörer und Zuhörerinnen?

 

Hohes Sprechtempo und seine Wirkung auf Kinder

 

Die Logopädin und Stimmtrainerin Astrid Hagenau https://www.stimmste.de/sprechtempo/ weist außerdem darauf hin, dass ein hohes Sprechtempo häufig mit einer undeutlichen Aussprache und einer flachen Atmung einhergeht. Das ist für den Sprecher selbst ebenso anstrengend und ermüdend wie auf den Zuhörer, denn wir übertragen biologische Muster wie schnellen Herzschlag oder flachen Atem auf das Gegenüber.

 

Für Kinder im Sprech- und Sprachlernprozess haben wir hier zwei nachteilige Folgen:

 

  • Das schnelle Tempo, welches das Speichern von Wörtern und Sätzen erschwert, zusammen mit der undeutlichen Aussprache sind für das lernende Kind eine echte Herausforderung. Lernen am Modell ist da richtig schwer.
  • Die Übertragung des schnellen Herzschlags und flachen Atems führt zu erhöhter Unruhe beim Kind.

 

Einer amerikanischen Studie zufolge wurde übrigens die Informationsrate umso niedriger, je schneller gesprochen wurde.

 

„Wasserfall-Sprecher sind also nicht unbedingt effektiver“

(Welt 19.01.17 Gunda Windmüller) 

 

Sie wirken durch das schnelle Sprechen eher gestresst und in Hektik. Diese Hektik steckt andere an, wirkt unangenehm und nachteilig auf alle Beteiligten. Gehe ich recht in der Annahme, dass diese Menschen nicht nur ein hohes Sprechtempo aufweisen, sondern auch das Wort „schnell“ häufig und gewohnheitsmäßig benutzen? „Schnell“ ist für sie ein Füllwort geworden, dass ihr Lebenstempo widerspiegelt.

 

Achten Sie darauf, wie häufig Sie das Wort „schnell“ in Ihrem Alltag sagen oder denken! Mehr dazu lesen Sie in meinem Blog-Artikel vom Februar 2018.

 

7 Tipps für mehr Effektivität in der Kommunikation

 

1. Was ist Ihr Ziel, Ihre Absicht? Werden Sie sich selbst klar, ob Sie etwas erzählen oder komplexe Sachverhalte nachvollziehbar erläutern, ob Sie eine Aufforderung formulieren oder emotional engagiert diskutieren.

 

2. Passen Sie Ihre Sprechgeschwindigkeit der Zielgruppe an! Sprechen Sie mit Kindern, die im Sprech- und Sprachlernprozess sind, langsam. Achten Sie bei Erwachsenen auf Signale, ob diese Ihnen folgen können. Senkrechte Stirnfalten bei den Zuhörern und Rückfragen vom Gesprächspartner weisen darauf hin, dass Sie zu schnell unterwegs sind.

 

3. Lassen Sie Ihre Wörter wirken! Betonen Sie das wichtige Wort im Satz!

 

4. Geben Sie Ihren Sätzen Raum zum Wirken indem Sie Pausen machen! So entsteht beim Zuhörer ein Bild, er kann Ihnen folgen und sich das Gesagte besser merken. Auch der Dialog gelingt dadurch leichter.

 

5. Machen Sie Pausen nach dem Ansprechen! Geben Sie Ihrem Gesprächspartner die Gelegenheit von seiner Arbeit – oder dem Kind vom Spiel – aufzuschauen, zu reagieren und damit Ihren nachfolgenden Satz wahrzunehmen. Wir sprechen bei LINGVA ETERNA dabei von den drei A: Ansprechen mit dem Namen – Anschauen – Atempause. Diese drei A sichern die wirksame und wertschätzende Kontaktaufnahme. Dazu finden Sie mehr in meinem Blog-Artikel vom September 2017.

 

6. Seien Sie achtsam mit dem Gebrauch des Wortes „schnell“ und reduzieren Sie es in Ihrer Alltagssprache! Das wird Ihre Wirkung ruhiger und souveräner werden lassen.

 

7. Nehmen Sie stattdessen Wörter in Ihren Wortschatz auf, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Beispiele hierfür sind: Pause, gönnen, Muße, friedlich, wohlwollen.

 

Welche Wörter können und wollen Sie hier ergänzen? Schreiben Sie mir dazu gerne einen Kommentar!

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