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Heimat und Herkunft

Foto: Heike Brandl
Heimat - Blick auf Lohr

 

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit etlichen Frauen über „Heimat“. Wir überlegten, was dieser Begriff für uns bedeutet, ob wir ihn im Alltag gebrauchen, wo unsere Heimat liegt. Liegt sie da, wo wir herkommen, geboren oder aufgewachsen sind, die Wurzeln des Stammbaums liegen? Oder liegt sie da, wo jetzt unser Lebensmittelpunkt ist, Partner und eigene Familie sind, wir uns wohlfühlen? Oder nehmen wir die Heimat im Herzen mit, egal wohin uns der Lebensweg führt?

 

Etliche von uns waren mehrfach umgezogen, innerhalb Bayerns oder Deutschlands, hatten sprachliche Eigenheiten mitgebracht, Dialekte bewahrt und dennoch neue Wörter gelernt und in den Sprachschatz aufgenommen. Manche brachten eigene Traditionen mit und gewannen neue dazu. Einige glaubten, überall – zumindest in Deutschland – eine neue Heimat finden zu können, wenn es nötig wäre. Im Ausland? Kommt darauf an, überlegten wir …

 

So fühlten wir mit den Zugezogenen, hierher Geflüchteten, Heimatlosen.

 

Einige von uns Frauen haben erwachsene Kinder und wir fragten diese nach ihrem Begriff und Verständnis von Heimat. Auch hier gab es interessante Erkenntnisse: Die einen sehen den neuen Wohnort mit Partnerin, Freunden und Arbeit als neue Heimat. Andere benannten den Wohnort der Ursprungsfamilie mit zahlreichen Beziehungen, Vereins-Bindungen und häufigen „Heim“-Fahrten als Heimat. Der Begriff an sich taucht jedoch weder bei der jungen Generation noch bei uns Frauen über 50 Jahren im alltäglichen Sprachgebrauch auf.

 

Wortursprung und Bedeutung

 

Was bedeutet er denn? Das DUDEN Herkunftswörterbuch1 sagt dazu „ungefähr Stammsitz“. Der Wortursprung ist im mittelhochdeutschen heimuot(e) zu finden und wohl vom Substantiv Heim abgeleitet. Dessen Bedeutungen sind Haus, Wohnung, Heimat, Aufenthaltsort und zur Wortgruppe seiner Wurzeln zählen auch Dorf, Familie, Lager (wo man sich niederlässt), Heirat, Hausgemeinschaft.

 

Der DUDEN online2 gibt folgende Information zur Bedeutung:

a) Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber ein bestimmten Gegend)

b) Ursprungs-, Herkunftsland eines Tiers, einer Pflanze, eines Erzeugnisses, einer Technik o. Ä.

 

Soweit waren alle unsere Assoziationen mit dem Begriff „Heimat“ also schlüssig und treffend.

 

Für mich ist es immer wieder faszinierend, sich mit einem einzelnen Wort zu befassen. Ob Wortursprung oder unterschiedliche Bedeutungen, althergebrachter Gebrauch oder Bedeutungsverschiebungen im Laufe der Zeit – unsere Sprache birgt zahlreiche Schätze. Sie wartet nur darauf, dass wir sie entdecken, achtsam für uns und unsere Gesprächspartner nutzen und auch der nachfolgenden Generation weitergeben. 

 

Foto: Heike Brandl
Herkunft (Wortursprung: kommen) - Ich komme aus Ebermergen

 

Für mich ist es passend, den Ort, an dem das Elternhaus stand, an dem ich aufgewachsen bin, mit „Herkunft“ zu bezeichnen. Ich habe hier im Spessart eine neue Heimat gefunden, einen Lebensmittelpunkt, Wohnort, an dem ich mich wohl fühle und dem ich mich verbunden fühle.

 

Ein neuer Heimat-Schriftsteller

 

Beim Stöbern in der örtlichen Stadtbibliothek blieb ich mit meiner Aufmerksamkeit an einem Buch mit dem Titel „Herkunft“ hängen. Der Autor, Saša Stanišić, geboren 1978 in Višegrad (Jugoslawien, heute Bosnien-Herzegowina) lebt seit 1992 in Deutschland. Er schreibt über „den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.“, so der Klappentext.3

 

Stanišić erzählt davon, wie die Erinnerungen seiner Großmutter verblassen, während er seine Erinnerungen sammelt. Gleichzeitig erfasst er die persönliche Biografie, den Nationalismus und Separatismus, der zum Jugoslawien-Krieg führte, sowie aktuelle politische Parallelen. Mit leichter Feder gibt Stanišić dem scheinbar nebensächlichem Gewicht. Er ist ein großartiger Poet, ein Zauberer der deutschen Sprache, ein neuer „Heimat-Schriftsteller“. Ich empfehle dieses Buch gerne weiter.

 

Bringen Sie Klarheit in Ihren Wortschatz

 

Wie ist es bei Ihnen? Was ist Ihre Heimat? Benutzen Sie das Wort? Oder seine Wortverbindungen? Hier sind ein paar: Heimatabend, Heimatvertriebene, Heimatanschrift, Heimaterde, Heimatforscher, Heimathafen, Heimatfest, Heimatzeitung, heimatverbunden oder auch Heimattümelei.

 

Wir achten bei LINGVA ETERNA auf einen sinnkonformen Wortschatz. Das bedeutet auch, einzelne Wörter zu betrachten, ihren Ursprung und ihre Bedeutung kennen zu lernen. Mit Synonymen, Wörtern mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung, erweitern wir unseren Wortschatz und können so etwas genauer beschreiben. Im Fall von „Heimat“ kann es beispielsweise sein: Vaterland, Geburtsort, Geburtsland, Ursprung, Aufenthaltsort. So kommt oftmals Klarheit in Gedanken und Gespräche. Diese klärende Auseinandersetzung ermöglicht es in diesem Beispiel außerdem, sich vom politisch missbrauchten, allzu unkritischen Gebrauch des Heimat-Begriffs zu distanzieren.

 

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, woher ein bestimmtes Wort oder eine bestimmte Redewendung kommt? Heimweh hat sich übrigens Ende des 16. Jahrhunderts, zunächst als medizinischer Fachausdruck, von der Schweiz ausgebreitet1.

 

Konnte ich Ihnen einige Anregungen für Ihren Wortschatz geben? Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub in der Heimat.

 

Gibt es ein Wort, das Sie interessiert? Dann schreiben Sie mir gerne in die Kommentare! Ich freue mich auf Ihre Nachricht.

 

 

1 Duden „Das Herkunftswörterbuch“, Dudenverlag, Berlin 2014

2 https://www.duden.de/rechtschreibung/Heimat#bedeutungen (abgerufen 14.07.20)

 

3 Saša Stanišić. Herkunft, Vlg. Luchterhand München 2019

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