· 

Seien wir doch mal ehrlich!

7wo2019_aktionsmotiv_rgb_0.jpg
Fastenaktion 2019

 – Zwischen alternativen Fakten und Wahrhaftigkeit

 

Wie jedes Jahr lese ich die Briefe zur Fastenaktion der Evangelischen Kirche. Dieses Jahr heißt das Motto: „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“. Und wie jedes Jahr will ich dazu einen Blog-Artikel schreiben. Mal ehrlich! Das ist ganz schön schwer – ich will ja nicht einfach abschreiben.

 

Seit „alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres 2017 gewählt wurde, ist in unserer Gesellschaft wieder ein wenig mehr Bewusstsein gewachsen. Ein Bewusstsein dafür, dass in Medien oft nur ein Teil der Wahrheit abgebildet wird, dafür, dass sogenannte Gefälligkeitslügen manchmal die Konversation prägen und auch, dass es oft eine Herausforderung ist, die Wahrheit zu sagen.

 

Unsel'ge Falschheit! Mutter alles Bösen!

Du Jammerbringende, verderbest uns!

Wahrhaftigkeit. Die Reine, hätt' uns alle,

die Welterhaltende, gerettet.

Friedrich von Schiller „Wallensteins Tod“

 

Würden sich doch nur alle an Schillers Erkenntnisse halten, die Welt wäre eine andere. Ja, heute wird es ein wenig philosophisch. Doch ich verspreche – ganz ehrlich: Es wird auch noch praktisch!

 

Was ist denn Wahrhaftigkeit?

Wahrhaftigkeit ist eine Tugend, „eine Denkhaltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Wahrhaftigkeit ist keine Eigenschaft von Aussagen, sondern bringt das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck. Die Wahrhaftigkeit kann falsche Aussagen nur durch einen Irrtum hervorbringen. Zur Wahrhaftigkeit gehört die Bereitschaft für wahr Gehaltenes zu überprüfen.“ (wikipedia)

 

Aus der Haltung entsteht das Sprechen und Handeln. So heißt Wahrhaftigkeit auch: den eigenen Überzeugungen gemäß zu handeln und zu sprechen, selbst wenn diese Überzeugungen keinen Vorteil bringen, ohne andere übervorteilen zu wollen, stets die Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen oder zu lügen, mit offenen Karten zu spielen.

 

Wir sprechen bei LINGVA ETERNA stets von den drei Säulen dieses Kommunikationskonzeptes: Präsenz, Klarheit und Wertschätzung. Präsenz meint dabei die Präsenz des Sprechers, Klarheit bezieht sich auf die Klarheit der Botschaft und Wertschätzung meint die Wertschätzung jedem Menschen gegenüber.

Foto: Heike Brandl
Ein Schild, das ich im Urlaub fotografiert habe ... mich motiviert es oft

Wo passt hier die Wahrhaftigkeit hinein?

1. Präsenz

Mit einer Haltung von Wahrhaftigkeit gehe ich schon mit hoher Präsenz in ein Gespräch. Ich wünsche mir ein offenes und aufrichtiges Gespräch. Ich bin bereit, meine Überzeugungen zu vertreten. Und wie der erste Fastenbrief anregte: Ich verzichte auf das „Bequeme“ der Lüge. Ich begebe mich aus meiner Komfortzone.

Beispiel:

Ich habe eine Verabredung getroffen, auf die ich inzwischen keine Lust mehr habe. Statt Kopfschmerzen (= alternative Fakten) vorzuschützen, gehe ich dennoch zur Verabredung. Dadurch gebe ich ihr die Chance, dass sie gut wird. Und ich brauche nicht zu lügen.

https://7wochenohne.evangelisch.de/erste-fastenmail-die-wahrheit-suchen

 

2. Klarheit

Die Klarheit der Botschaft: Ich verzichte auf Umschreibungen, Schönreden, Füllwörter, Konjunktiv II.

Beispiel:

„Vielleicht kommen wir euch mal besuchen.“ – Hier weiß jeder, dass die Urlaubsbekanntschaft nie kommen wird. Fragen Sie nur nach den Kontaktdaten, wenn Sie es auch ehrlich meinen. Ansonsten können Sie sich diese vage Ankündigung auch sparen. Äußern Sie dann lieber Ihre Freude über die gemeinsamen Stunden im Urlaub.

 

3. Wertschätzung

Was ich alles nicht tun will: Ich werde den Gesprächspartner weder schlecht machen noch runterputzen und keine Macht ausspielen. Schonungslose Ehrlichkeit ist auch kein angemessener Weg. Diese verprellt zu oft das Gegenüber. Ich werde auch nicht über Dritte lästern. Lesen Sie zum Thema „Wie Sie souverän mit Lästereien am Arbeitsplatz umgehen“ meinen Blog-Artikel vom Dezember 2018.

 

Stattdessen will ich Wertschätzung signalisieren: Ich will auf Augenhöhe mit meinem Gesprächspartner bleiben, ihn ernst nehmen, mit seinen Ängsten und Sorgen, benennen, was bei mir ankam. Ich nehme mir vor, auch unangenehme Botschaften freundlich, achtsam und gegebenenfalls mitfühlend mitzuteilen. Vielleicht ist es auch sinnvoll, sie in kleinen Häppchen zu servieren, so dass der Gesprächspartner sie annehmen und gut verdauen kann. Und ich werde mir – und auch dem Gegenüber – bewusst machen, dass meine Kritikpunkte nur einen Teil seiner Person ausmachen. Besser noch: Sie machen nur einen Teil seines Verhaltens aus. Jeder hat auch positive Eigenschaften, Kompetenzen und Talente. Diese positiven Aspekte will ich in den Vordergrund rücken.

Beispiel:

Als Lehrerin steht ein Elterngespräch in der Schule an. Der Schüler wird voraussichtlich das Klassenziel nicht erreichen. Ich bespreche zunächst die Fakten möglichst sachlich und äußere mein Bedauern. Dann finde ich gemeinsam mit den Eltern die Stärken des Schülers und überlege, wie wir mit diesen Stärken sein Selbstvertrauen stabilisieren können.

 

Wozu das Ganze?

Ich habe gute Erfahrungen mit der Wahrhaftigkeit gemacht. Meist sind Menschen dankbar dafür, wenn eine unangenehme Wahrheit auf den Tisch kommt. Damit können sie leichter umgehen, als mit den Vermutungen, die sie sowieso mit sich tragen. Ein offener Umgang mit Hintergründen, Ursachen und Umständen beugt Spekulationen und Gerüchten vor.

 

Und was habe ich selbst davon? Ich brauche mich nicht zu verbiegen, sondern kann aufrecht und wahrhaftig durchs Leben gehen. Das stärkt meine Ausstrahlung, mein Selbstvertrauen und meine Position. Diese Wirkung werden Sie spüren.

 

Seien wir doch mal ehrlich!

Klingt schwierig? Mag sein. Nehmen wir uns 7 Wochen Zeit zum Üben!

Wie sagte schon Michelangelo? „Ich lerne noch.“

Kommentar schreiben

Kommentare: 0