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Was ich darf und was ich kann

 

Es ist schön, Dinge tun zu dürfen und nicht tun zu müssen. Wer würde schon sagen: „Du musst noch einen Keks essen.“ Viel schöner klingt die Erlaubnis: „Du darfst noch einen Keks essen.“ „Dürfen“ weckt angenehme Erinnerungen und ist wohltuend. Viele Menschen gebrauchen es jedoch häufig in der verneinenden Form „Du darfst nicht.“ Dürfen signalisiert Freiraum und Selbstbestimmung, Freude und Dankbarkeit sind damit verbunden. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:

 „Davina - du darfst noch das Puzzle fertigstellen. Danach werden wir in die Garderobe gehen.“

 „Tim hat heute Geburtstag. Tim – du darfst dir ein Kreisspiel wünschen.“

  

Dürfen und können sind nicht austauschbar.

Viele Menschen würden die beiden Beispielsätze mit „können“ anstatt „dürfen“ bilden. Doch damit drücken wir etwas völlig anderes aus. Beim „können“ geht es um Fähigkeiten. Natürlich kann Davina das Puzzle fertigstellen. Doch darf sie das auch?

  

„Kannst du mal still sein?“ Fragen mit „kannst du“ stellen die Kompetenz in Frage. Dabei wollen wir doch, dass die Kinder etwas tun bzw. lernen. Dann sollten wir es ihnen auch zutrauen. Teenager antworten auf eine solche Formulierung oft mit „Kann ich schon.“ und unterhalten sich weiter. Als rhetorische Frage ist die „kann“-Frage nicht angebracht. Sinnvoll ist sie, wenn wir etwas tatsächlich nicht wissen. „Kannst du schon alleine die Kerze anzünden?“

 

Wissen wir allerdings genau, dass Jana seit kurzem ihre Schuhe selbst anziehen kann, mag es sinnvoll sein, mit dieser Frage ihr Selbstvertrauen zu stärken. (staunender Tonfall) „Jana – kannst du deine Schuhe schon selbst anziehen?“

  

Das Ablegespiel „Was ich alles kann“1 regt zur Satzbildung mit dem Modalverb „können“ und dessen Verneinung an. Dabei komme ich auch stets mit den Kindern ins Gespräch darüber, was sie noch nicht können, jedoch bestimmt noch lernen werden.

 

Hier sind immer wieder Krokodile am Strand. Hier gehe ich besser nicht schwimmen, obwohl ich es kann. Ich darf es nicht.

 

Verneinungen sind Denken in die falsche Richtung 

 

Auch unter Erwachsenen gibt es viele „Ich kann nicht“-Sätze. „Ich kann jetzt nicht mehr länger warten. Ich muss jetzt zu meiner Tante fahren.“ ist ein Beispiel aus dem Kartensatz2. Wie anders klingt doch „Ich fahre jetzt los. Meine Tante erwartet mich.“ Jedes „ich kann nicht“ blockiert das eigene Können. Tun Sie das, was Sie tun wollen – ohne „nicht können“. Das Leben darf leicht sein. 

 

Es lohnt sich, aufmerksam zu sein für die vielen „ich kann nicht“-Sätze, die wir selbst unzählige Male am Tag sagen. Oftmals bedeuten sie etwas anderes, z.B. „ich will nicht“, „ich habe keine Lust“ oder „ich traue mich nicht“. Und oft kommen solche Sätze auch aus Kindertagen. Vielleicht hat uns ein unbedachter Lehrer, Eltern oder eine andere für uns damals wichtige Person einen Satz gesagt, der immer noch unser Denken prägt. „Das ist nichts für Mädchen!“ „Dafür bist du wohl zu blöd?!“ „Du hast zwei linke Hände!“ usw. Kennen Sie das? Dann prüfen Sie für sich, ob das wirklich stimmt. Und prüfen Sie, was Sie ohne diesen Gedanken wären! Sie dürfen diese Sätze als Erwachsene getrost hinter sich lassen.

 

Ich kann schwimmen - und hier darf ich es auch. In der Nähe von Cairns (Australien) empfiehlt es sich, nur dort zu schwimmen, wo Rettungs-schwimmer den Strand beaufsichtigen.

Das "dürfen" schafft mir hier Freiraum und Selbstbestimmung: Ich darf, wenn ich will, auch einfach nur am Strand liegen.

 

Tun Sie das, was Sie tun wollen – ohne „nicht können“. Das Leben darf leicht sein.

 

Ihre Heike Brandl

 

1 aus: „Satzbildung – einfache SPO-Sätze“ von Lingoplay

2 Scheurl-Defersdorf, Mechthild von: Die Kraft der Sprache – 80 Karten für den alltäglichen Sprachgebrauch, Lingva Eterna Verlag Erlangen

 

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