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Wie es Ihnen gelingt, im täglichen Chaos Ruhe zu bewahren

Foto: Heike Brandl
Frühstück

 

Tanja ist eine berufstätige Mutter von zwei Kindern. Tim geht in die erste Klasse und die vierjährige Anna in die Kita. Tanja erzählte mir vom alltäglichen morgendlichen Chaos und der Hektik: „Morgens müssen wir uns total beeilen, damit wir rechtzeitig in der Schule sind. Anna trödelt immer so beim Frühstück und ich möchte doch, dass sie was Vernünftiges gegessen hat. Dann dieses Chaos im Flur beim Weggehen. Tim fällt immer noch was ein, wenn er eigentlich schon fertig angezogen ist. Da muss er noch sein Sportzeug holen oder er muss nochmal aufs Klo … Und Anna muss immer noch eine Mütze suchen oder sonst was. Und dann bin ich im Kopf schon bei den Sachen, die ich nach der Arbeit alle erledigen muss: Zuerst muss ich zum Einkaufen. Nach dem Kindergarten bringe ich die Kleine schnell zur Oma, weil der Große zur Logopädie und zum Friseur muss. Und die Wäsche muss ich auch noch machen.“ 

Puh, dachte ich, als ich das hörte. Das klingt ganz schön stressig. Ich habe das Gefühl, Tanja hat kaum Luft zum Atmen. Ja, der Alltag mit Kindern ist oft voll und fordernd ist er allemal. Die Termine und Strukturen können wir uns nur bedingt zurechtbiegen. Doch unsere Haltung dazu haben wir in der Hand. Und diese zeigt sich in unserem sprachlichen Umgang mit Chaos und Stress. 

Den Alltag fremdbestimmt leben? 

Schauen wir uns Tanjas Bericht genauer an. Mir fällt auf, dass sie achtmal „müssen“ bzw. „muss“ gesagt hat. „Müssen“ ist ein Wort, das viel Fremdbestimmung signalisiert: Als ob jemand anderes Tanja gesagt hat, was sie tun muss. Es erzeugt viel Druck, Hektik und Unruhe. Viele Menschen können diesen Druck körperlich wahrnehmen, wenn sie so einen Bericht hören. Fremdbestimmung führt auch immer zum Widerstand. Die Kinder versuchen, z.B. durch trödeln, Zeit zu gewinnen. Wer will der vierjährigen Anna einen Vorwurf daraus machen, dass sie ganz im Hier und Jetzt lebt? Sie denkt noch nicht an die Fülle der Aufgaben ihrer Mutter. Sie genießt ihr Frühstück und das Zusammensein mit den Eltern. 

Strukturen und Routinen schaffen 

Ich gab Tanja zunächst ein paar Tipps aus meiner eigenen Erfahrung als Mutter und Heilpädagogin, die ihr strukturelle Hilfe sein mögen. 

·        Sie könnte mit Tim am Vorabend immer den Stundenplan durchgehen und gemeinsam mit ihm überlegen, was er am nächsten Tag in der Schule braucht. Den Sportbeutel kann er dann gleich in die Garderobe legen. So wird er lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu organisieren. 

·        Sie könnte mit beiden Kindern die Kleidung, einschließlich Mützen, Jacken und Schuhen am Vorabend bereitlegen. 

·        Sie könnte Anna zehn Minuten früher wecken, um ihr mehr Zeit zum Frühstücken zu geben. Vielleicht hat sie gar nicht so großen Hunger am Morgen und ein Saft und ein Joghurt wäre auch eine Alternative. Dafür könnte ihr Tanja etwas mehr Essen in die Dose für die Kita mitgeben. 

·        Vielleicht ist auch gar nicht das Essen das Thema, sondern Anna will gerne Mama und Papa noch etwas erzählen. Das könnte auch beim Zu-Bett-gehen am Vorabend zu einem gemütlichen Kuschel-Gespräch führen. 

·        Mir hat es immer geholfen, mir nur einen zusätzlichen Termin pro Tag einzuplanen. Wenn also Logopädie ansteht, nach Möglichkeit nicht noch einen Friseurtermin zu vereinbaren, sondern lieber danach gemeinsam auf den Spielplatz gehen. 

·        Perfektionismus und der eigene Anspruch sind die Stress-Faktoren Nummer Eins. Liebe Mütter: Ihr seid Menschen und keine Maschinen! Gelassenheit und Mut zur Lücke sind für berufstätige Mütter überlebenswichtig.

Und wie wird das Ganze nun selbstbestimmt? 

Morgens stehen wir rechtzeitig auf, um den Tag in Ruhe beginnen zu können. Eine Kleinigkeit zum Frühstück reicht Anna völlig aus. Die Kleidung, Schul- und Sportsachen haben wir am Abend schon gerichtet. Auch meinen Einkaufszettel schreibe ich mir jetzt immer abends und stecke ihn gleich ein. Das hat unseren Morgen schon wesentlich entspannt. Und auf dem Weg zur Arbeit überlege ich mir dann, was noch so ansteht und wie wir das am besten gemeinsam organisieren können.“ 

Spüren Sie den Unterschied? Wenn sie selbst den Einkaufszettel schon am Vorabend schreibt, ist sie dabei gleichzeitig auch den Kindern ein gutes Vorbild. Für die Kinder ist es auch gut, dass sie Präsenz zeigt und erstmal gedanklich bei ihnen ist. Die Aufgaben des Nachmittags kann sie auch durchdenken, wenn sie allein ist. 

Ich komme nochmal zum sprachlichen Aspekt: Tanja lässt jetzt alle „müssen“ weg. Ich gab ihr diesen sprachlichen Tipp, um die Anspannung heraus zu nehmen. In den meisten Alltagssituationen braucht es kein „müssen“. 

Beispiel

„Ich muss noch zum Einkaufen.“

Wie anders klingt:

„Ich gehe noch zum Einkaufen.“

In vielen Fällen beschreiben wir mit „müssen“ auch Dinge, die wir in der Zukunft zu tun haben. Damit packen wir uns die Gegenwart zum Bersten voll. In der mündlichen Kommunikation wird die grammatikalische Zukunftsform der Sprache meist gar nicht verwendet. Dabei ist sie so sinnvoll. Wir schaffen uns damit gefühlte Zeit bis dahin, wo etwas zu tun ist.

Beispiel

„Morgen muss ich zum Geburtstag meiner Freundin Katrin.“

Wie anders klingt:

„Morgen werde ich auf den Geburtstag meiner Freundin Katrin gehen.“

Hätte Katrin den ersten Satz gehört, hätte sie wahrscheinlich gedacht, ich käme gar nicht gerne. Wer selbst schöne Dinge mit „müssen“-Sätzen formuliert, benutzt „müssen“ nur noch als Füllwort. Natürlich „muss“ ich nicht zum Geburtstag. Ich bin eingeladen. Und ich darf meine Freude darüber auch zum Ausdruck bringen. Der zweite Satz klingt neutral. Er macht es leicht noch etwas anzufügen: „Und ich freue mich schon darauf.“

Sicher gibt es auch Situationen, in denen Sie etwas „müssen“.

Beispiel

„Ich muss die Feuerwehr rufen.“

„Ich muss den Antrag heute noch stellen, da sonst die Frist abläuft.“

Doch diese Situationen sind seltener als wir im Allgemeinen annehmen. Prüfen Sie, wie wichtig oder dringend Ihr Handeln wirklich ist und reduzieren Sie den Gebrauch von „müssen“!

Foto: Heike Brandl
Inarisee Finnland

Ruhe und Gelassenheit bewahren

Es gibt also zwei Methoden, um mit dem alltäglichen Familienchaos gut klar zu kommen:

·        Schaffen Sie sich Strukturen und Routinen, die Ihnen gut tun! Probieren Sie aus, was für Sie stimmig ist und zu Ihren Prioritäten in der Erziehung passt.

·        Nehmen Sie sprachlich den Druck raus! Verwenden Sie statt dem Hilfsverb „müssen“ öfter die tatsächlich gemeinten Verben (z.B. „gehen“ wie im Beispiel oben) oder das Futur I „Ich werde etwas tun.“

Tag der Familie

Am Sonntag war Muttertag. Ich meine, Mütter haben ganzjährig Achtung und Respekt verdient. Und der heutige 15. Mai ist von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag der Familie“ ernannt worden. 2019 steht er unter dem Motto „Familiengesundheit gemeinsam fördern“. Viele Familieninstitutionen und Bündnisse nutzen diesen Tag oder die Zeit darum herum, um mit verschiedenen Aktionen auf die Anliegen von Familien aufmerksam zu machen und für mehr Anerkennung der Leistungen der Familie sowie eine familienfreundliche Gesellschaft zu werben. Das ist gut so.

Und dennoch meine ich, dass Mütter auch viel selbst dazu beitragen können, ob sie gesund und zufrieden durch die Anforderungen des Alltags kommen. Im alltäglichen Chaos Ruhe zu bewahren und mit Sprache das eigene Leben aktiv zu gestalten sind eine ganz wesentliche Grundlage hierzu.

Ein Perspektivenwechsel tut manchmal gut. Dann entsteht auch wieder Dankbarkeit für das was ist. Davon spricht der folgende Text:

Dankbar!

Ein ganz normaler Tag- wie sieht er aus?

Früh wach - lebendige Kinder
ein Haus voller Unordnung -  ein Dach über dem Kopf
schon wieder Regen -  gut für den Garten

Der tägliche Einkauf - Versorgung gesichert
Berge von Wäsche - genug zum Anziehen
Stapel von Abwasch - alle sind satt

Bus verpasst - geschenkte Zeit
Jede Menge Lärm - Menschen um mich her
Erschöpft ins Bett-  ein Tag voller Leben.

Amen!

 

Annette Bassler

Der Andere Advent 2016/17, andere Zeiten e.V.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sabrina (Donnerstag, 16 Mai 2019 09:57)

    Strukturen schaffen und Selbst-Organisation sind ein elementarer Grundstein in allen Lebenslagen. So vieles ist mehr möglich wenn man es zu einen will und sich dann selber organisiert.

  • #2

    Heike Brandl (Donnerstag, 16 Mai 2019 10:16)

    Liebe Sabrina,
    ich freue mich, dass mein Blog dich angesprochen hat. Auch unsere Sprache hat Strukturen. Wenn wir diese kennen, sinnvoll anwenden und achtsam für nutzen, ist noch wesentlich mehr möglich.
    Heike