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"Mama, darf ich was Süßes?"

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"Mama, darf ich was Süßes?"

Lässt sich durch Entwicklung der Sprache die Ausdauer eines Kindes signifikant verbessern? Das ist leicht möglich. Betrachten wir zunächst die Sprache der erwachsenen Vorbilder. Sie bilden oft unbedacht unvollständige, sogenannte Stummel-sätze. Diesen Sätzen fehlt meistens das Subjekt, manchmal auch das Prädikat oder Objekt. Ich kennzeichne die Fehlstellen mit einem Strich und ersetze ihn in der rechten Spalte durch das fehlende Wort:

 

 

„- geh mal schnell zur Toilette.“

Ich geh mal schnell zur Toilette.“

„Kann ich mal Kaffee -?“

„Kann ich mal Kaffee haben?“

„Gib mir mal bitte -!“

„Gib mir mal bitte die Schere!“

 

Seien Sie ein gutes Vorbild!

So wird die Kommunikation mühsam und führt gelegentlich auch zu Missverständnissen oder Ärger. Die unvollständigen Sätze wirken insgesamt auch hektisch, als ob die Sprecherin schon mit dem Gedanken bei etwas anderem wäre.

Gerade beim fehlenden Subjekt, in der Regel „Ich“, macht dies auch einen Unterschied in der Wirkung auf das Selbstbewusstsein und die Ausstrahlung. Der vollständige Satz erhöht die Präsenz der Sprecherin. Sie erreicht Aufmerksamkeit und Wohlwollen, denn sie vermittelt Ruhe und Klarheit.

Wir geben mit dem vollständigen Satz den Kindern ein gutes Beispiel. Logopäden oder Fremdsprachenlehrer fordern es stets von Kindern, im ganzen Satz zu antworten. Dabei können sie es doch schon von klein auf lernen. Wir als Eltern und Pädagogen sind dafür verantwortlich und es ist notwendig, dass wir erst unser eigenes Sprachverhalten beobachten und entwickeln.

 

Ganze Sätze in der Schule

Auch als Lehrer oder Lehrerin sind Sie an dieser Stelle gefordert. Sagen Sie "Guten Morgen!" oder "Ich wünsche euch einen guten Morgen!" ? Sagen Sie "Stifte weglegen!" oder "Bitte legt jetzt die Stifte weg!" ? Und fordern Sie die Kinder an anderer Stelle dazu auf, in einem ganzen Satz zu antworten? Prüfen Sie Ihr eigenes Vorbild!

 

Kinder greifen unser Modell leicht auf und spüren die wohltuende Wirkung intuitiv. Bei vollständigen Sätzen wissen alle genau, worum es geht. Die Aufmerksamkeit kann beim Gespräch bzw. Handeln bleiben und braucht sich nicht mit dem Erraten des eventuell gemeinten Prädikats (Beispiel oben: Will sie Kaffee haben oder mitbringen?) oder Objekts (Beispiel oben: Will sie die Schere oder den Klebstoff?) zu befassen.

 

Ein ganzer Satz ist in der Regel länger als ein halber Satz. So erfordert er von der Sprecherin ein gewisses Vorsortieren in Gedanken. Welche Informationen will ich vermitteln? In welche Reihenfolge gehören sie? Wie verläuft dann die Sprachmelodie? Ganze Sätze strukturieren also das Denken.

Ausdauer-beim-Tischspiel

Auch vom Zuhörer braucht es eine längere Phase der Aufmerksamkeit. Hört er nur halb hin, verpasst er womöglich das Objekt und damit eine wesentliche Information.

Unvollständige Sätze bilden wir ganz oft auch bei

 

 ·         Ausrufen: Bitte melden!

 ·         Begrüßungen und Verabschiedungen: Guten Morgen!

 ·         Schriftlichen Kurzmittteilungen: Bin gleich zurück. Bitte um Rücksprache.

 ·         Dank: Danke!

 

Finden Sie selbst eine Alternative mit einem ganzen Satz?

 

Wie wir die Aufmerksamkeit der Kinder erhöhen können

 

In der Heilpädagogik ist es mir wichtig, dass die Kinder mit ihrer Aufmerksamkeit ganz bei mir sind anstatt schon beim nächsten Spiel, einem anderen Kind oder sonstigen Ereignissen im Raum. Deshalb übe ich mit ihnen das Sprechen in vollständigen Sätzen ein. Ich nenne Ihnen einige Situationen aus der Frühförderung in meiner Praxis oder der Integrationsarbeit im Kindergarten, in denen ich das anwende. Sie können das leicht auf eine familiäre Situation übertragen.

 

 ·         Begrüßung: Sandra, ich freue mich dich zu sehen.

 ·         Tischspiele wie Memory: Ich habe einen Tiger und eine Ente.

 ·         Rollenspiel: Ich backe einen Schokoladenkuchen.

 ·         Turnraum: Timo, laufe bitte die ganze Bank entlang!

 ·         Garderobe: Mika, lege deine Mütze in dein Fach!

 

Beispiele aus der heilpädagogischen Arbeit

Gerne nenne ich Ihnen noch zwei positive Erfahrungen aus meiner Arbeit damit:

 

 ·         Victoria sagte oft, dass sie aus dem Raum wolle oder das Spiel beenden. Anstatt einfach zu sagen „später“, sagte ich zu ihr: „Victoria – jeder von uns wird noch zweimal eine Karte ziehen. Danach werden wir wieder hinüber gehen.“ So hatte sie eine überschaubare Perspektive, die sie gut annehmen konnte. Sie spielte deshalb fröhlich zu Ende.

 

 ·         Kevin zeigte eine geringe Ausdauer beim Anschauen von Bilderbüchern. Auf meine Fragen antwortete er stets mit einem Wort. Z.B. „Kennst du dieses Tier?“ – „Elefant.“ Ich griff das auf und bildete modellhaft kurze vollständige Sätze: „Der Elefant ist groß. Er hat dicke Beine. Was siehst du noch?“ – „Rüssel.“ – „Er hat einen langen Rüssel. Was hat er noch?“ – „Er hat große Ohren.“ Mit der Zeit antwortete Kevin in ganzen Sätzen und verbesserte ganz nebenbei seine Ausdauer.

 

Seien Sie selbst ein gutes Vorbild. Kinder lernen stets am Modell des Erwachsenen. Dann werden Sie den Satz aus dem Titel bald korrekt hören:

„Mama, darf ich etwas Süßes haben?“

 Ich wünsche Ihnen viel Freude beim achtsamen Entwickeln Ihrer Sprache.

 

Ihre Heike Brandl

Das Beispiel vom Titel ist aus dem Kartensatz:

Scheurl-Defersdorf, Mechthild von: Die Kraft der Sprache – 80 Karten für den alltäglichen Sprachgebrauch, Lingva Eterna Verlag Erlangen

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